Lernen von Pjöngjang

17.06. — 24.07.2010

Mit Kim Jong Il, Fabian Hesse, Robert Stark, Ulla von Brandenburg, Arno Brandlhuber, Martin Eberle, Stefan Schneider, Christian Posthofen

Kuratiert von Christian Hartard.
In Kooperation mit Urbanauten

Sonderöffnung zur Münchner Architekturwoche
16. — 24.06. täglich 16 — 19 Uhr
Eröffnung 14.07.2010
Öffentliches Seminar 18 — 20 Uhr
Eröffnung der Ausstellung
20 — 22 Uhr

Der Eintritt zur Ausstellung und zu den Veranstaltungen ist frei.

Pjöngjang – die nach außen weitgehend abgeschottete nordkoreanische Hauptstadt ist das hässliche Zerrbild der postmodernen Utopie: eine aus Versatzstücken der Weltarchitektur zusammengebastelte Stadt der Oberfläche, der Simulation, der Fassade. In Kim Jong Ils stalinistischem Unterdrückungssystem wird Architektur zur Kulisse eines Theaterstücks, das den einzelnen Menschen zum Statisten einer totalen Inszenierung degradiert: eine Freiheit der Formen ohne Freiheit des Individuums. Pjöngjang freilich mag eines der bizarrsten, vielleicht auch eines der naivsten Beispiele sein für den Versuch, Architektur als Kontroll- und Erziehungsmittel zu verwenden – ein bloß exotischer Sonderfall ist die nordkoreanische Metropole indes nicht: sie ist gleichzeitig Chiffre für die versteckten Herrschaftsund Machtstrukturen des Städtebaus schlechthin. Hier setzen die künstlerischen Beiträge der Ausstellung an, die das Thema für eine generelle Debatte über die ideologische Funktionalisierung von Architektur und Stadtraum öffnen. Denn jede Architektur ist Form, die formt. Lernen von Pjöngjang präsentiert eine audiovisuelle Installation von Arno Brandlhuber, Martin Eberle, Stefan Schneider und Christian Posthofen, die Ausschnitte aus der Schrift Über die Baukunst des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il mit Eindrücken aus der Lebenswirklichkeit des Landes konfrontiert. Fabian Hesse reagiert auf die Zumutung hohler Repräsentationsgesten mit einer bewusst vergänglichen, provisorischen Anti-Architektur, die der Dokumentation das räumliche Setting gibt. Ästhetische Gegenstrategien proben auch die Menschen in Ulla von Brandenburgs Singspiel: eingeschlossen in das Gehäuse von Le Corbusiers Villa Savoye, einer Ikone des Funktionalismus, setzen sie die Fragilität, Flüchtigkeit und Poesie der menschlichen Stimme gegen die emotionslose Nüchternheit und Kühle der Architektur. Ihr Gesang wird zum Exorzismus – und zum Versuch eines gemeinschaftsstiftenden Tuns, das aus isolierten Individuen ein soziales Ganzes schaffen soll. Die weißen Raumkörper Robert Starks schließlich sind als reine Objekte ebenso lesbar wie als abstrahierte Architekturmodelle, die zwischen Miniaturhaftigkeit und Monumentalität pendeln. In der ideologischen Uneindeutigkeit, mit der sie sich aus dem Fundus architektonischer Archetypen bedienen, stellen sie u.a. die Frage nach Schuld und Unschuld architektonischer Formen und nach den Möglichkeiten ihrer weltanschaulichen Aufladung und Umwertung.

Parallel zur Ausstellung bespielt Martin F. Spengler das Projektfenster apollo13 (immer einsehbar).

VERANSTALTUNGEN

LERNEN VON PJÖNGJANG?
ZUR LESBARKEIT DER RAUMPRODUKTION IN NORDKOREA
14.07.2010
18 – 20 Uhr akademie c/o lothringer13
20 — 22 Uhr Eröffnung der Ausstellung

Öffentliches Seminar in Zusammenarbeit mit der Kunstakademie Nürnberg
Kimilsungia, Performance-Lesung, Mit Arno Brandlhuber, Martin Eberle und Stefan Schneider
Nicht dermaßen regiert werden, Vortrag von Christian Posthofen (Buchhandlung Walther König)

„Die Tatsache, dass in einem geschlossenen System wie dem Nordkoreanischen die ideologische Wirkung von Architektur so augenfällig ist, wir selbst in Europa aber scheinbar in größtmöglicher Verschiedenheit zu Nordkorea leben, verleitet dazu, den ideologischen Aspekt von Architektur in der westlichen, zeitgenössischen Architektur zu übersehen und auf historische Phänomene wie Nationalsozialismus, Stalinismus usw. oder Gebäudearten wie Sakralbauten oder Regierungsbauten zu reduzieren. Die prinzipielle Anerkennung von Machteffekten im Zusammenhang von Architektur macht das Traktat [Kim Jong Ils] aber gerade auch für unsere Sicht auf Architektur so lohnend.“ (Christian Posthofen)

LONELY PLANET NORDKOREA
24.06.2010, 19.30 Uhr
Screening
Willkommen in Nordkorea. Dokumentation von Peter Tetteroo und Raymond Feddema, 2001, 53 min.

„Nordkorea ist kein Staat, Nordkorea ist eine Absurdität des realen Lebens. Nichts ist wirklich, alles ist Blendwerk. Kein architektonisches Verbrechen in diesem Land, das nicht von der Blüte der marxistischleninistischen Diktatur erzählen soll; und unweigerlich vom Gegenteil zeugt. Nordkorea ist ein überdimensioniertes Theater, indem ein ganzes Volk zum Statisten verdammt ist und dem schlechten Schauspiel freudestrahlend beiwohnen soll.“ (Thomas Hummitzsch).
Willkommen in Nordkorea erhielt 2001 den Emmy Award als bester Dokumentarfilm.

„PUBLIC SPACE OPEN TILL 8 P.M.“
22. 07. 2010, 19.30 Uhr
Erster Debattierclub der urbanauten
Martin Klamt über die Strategie, Räume ohne Türen zu schließen

Das vieldiskutierte „Right to the city“ gilt nicht für alle und keineswegs überall; das Ideal der Agora, auf der jeder gesehen und gehört oder auch nur geduldet wird, ist häufig eher Utopie als Realität. Politisch, ökonomisch und sozial motivierte Strategien des Ein- und Ausschlusses bestimmter Personen werden vielfach durch Planung und Gestaltung städtischer Räume vollzogen und überhaupt erst ermöglicht. Martin Klamt zeigt ein Spektrum solcher städtebaulicher und architektonischer Techniken auf, das zwischen Planungsleitbildern, baulichen Grenzen und rechtlichen Verboten oszilliert. Der Fokus richtet sich dabei auf die oft sehr subtile Wirkung des Raums auf die alltägliche Nutzung der Stadt

Ab 19 Uhr parallel in der Lothringer13/Halle und im spiegel: Eröffnung der AusstellungCityscale

MACHT!
23.07.2010, 19.30 Uhr
Zweiter Debattierclub der urbanauten
Dr. Heinz Schütz über Stadt-Inszenierung von oben und künstlerische Anarchie von unten

Der Stadtraum ist immer auch ein Raum der Macht. Von totalitären Regimen wird er von oben inszeniert, von Künstlern immer wieder von unten sabotiert. Im scheinbar ideologiefreien und als demokratisch postulierten Raum agieren naturalisierter Kapitalismus und Medien als neu-alte Mächte. Wo bleibt ein Spielraum?

DOKUMENTARISCHE BEITRÄGE / KÜNSTLER

ARNO BRANDLHUBER ist Architekt, Professor am Masterstudiengang Architektur und Stadtforschung der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und Mitinitiator der Reihe Akademie c/o Temporäre Kunsthalle, die sich seit 2008 in Vorträgen und Seminaren der Raumproduktion der Berliner Republik widmet.

MARTIN EBERLE ist Photograph. Von ihm erschienen u.a. die Bücher Pyongyang (2008) undTemporary Spaces (2001). Stefan Schneider ist Photograph und Musiker, Ex-Bassist der Elektro-Band Kreidler und aktuell aktiv bei To Rococo Rot und Mapstation.

CHRISTIAN POSTHOFEN ist Theoretiker, Mitbegründer der Akademie c/o und Geschäftsführer der Buchhandlung Walther König in Berlin. Er lehrt am Masterstudiengang Architektur und Stadtforschung in Nürnberg.

KIM JONG IL ist Diktator.

FABIAN HESSE (*Augsburg 1980) studiert seit 2004 bei Olaf Metzel an der Münchner Kunstakademie. Mitglied der forschungsgruppe_f (Ausstellung im Kunstraum München 2009), Teilnahme an zahlreichen Ausstellungen, so Fancity 2008 (Shedhalle Zürich, 2008), Crossing Munich (Rathausgalerie München, 2009), Open City – Parallel Cases (4. Internationale Architekturbiennale Rotterdam, 2009/2010). „Hesse nimmt minimale Veränderungen im Stadtgebiet vor mit umsonst und frei verfügbaren Materialien, die er danach wieder sich selbst überlässt. Eine Dokumentation des Geschehens verdichtet und verörtlicht er in einer Installation, für die er dieselben Parameter nutzt.“ (Georg Fischer zu Hesses Arbeit Brügge for free, 2008, im Forum+ des Groeningenmuseums Brügge)

ULLA VON BRANDENBURG (*Karlsruhe 1974) studierte an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und an der Kunsthochschule Hamburg. Ausstellungsbeteiligungen u.a. Biennale Venedig 2009, Triennale Turin 2008, Triennale Yokohama 2008, Biennale Jerusalem 2008, The Wizard Of Oz (Wattis Institute for Contemorary Art San Francisco, 2008), The World As A Stage, (Tate Modern London, 2007). Einzelausstellungen u.a.: Plateau Paris (2009), Chisenhale Gallery London (2009), Irish Museum of Modern Art Dublin (2008), Kunstverein Düsseldorf (2008), Produzentengalerie Hamburg (2007). „Ulla von Brandenburgs Filme, Papierarbeiten, Rauminstallationen und Performances operieren mit Posen und Gesten aus dem visuellen Fundus des Theaters, der Fotografie, des Zirkus und der Kunstgeschichte, die sie in ihren Arbeiten zu Bildern montiert und collagiert. Es geht dabei nicht um das historische Zitat als solches, sondern um gesellschaftliche Regelhaftigkeiten und Konstellationen, die diese immer auch als formalisiert eingefrorene und an ihrer Unbeweglichkeit scheiternde Formen erfahrbar machen.“ (Pressetext zur Einzelausstellung in der Kunsthalle Zürich, 2006)

ROBERT STARK (*Augsburg 1974) studierte 1998-2004 an der Münchner Kunstakademie bei Nikolaus Gerhart und Hermann Pitz, 2000 Studienaufenthalt in Helsinki (University of Art and Design und Academy of Arts). 2009 Kunstförderpreis der Stadt Augsburg. 2009 / 2010 war er Stipendiat der Villa Concordia, Bamberg, derzeit ist er Artist in Residence des Künstlerhauses NAIRS in Scuol, Graubünden. Ausstellungsbeteiligungen u.a. Dragged down into lowercase (Zentrum Paul Klee Bern, 2008), Die ersten Jahre der Professionalität 27 (Galerie der Künstler München, 2008), Die Gegenwart des Vergangenen – Strategien im Umgang mit sozialistischen Repräsentationsarchitektur (Forum für Wissenschaft und Kunst Leipzig, 2007), Schwarz Brot Gold (Kunstverein Oldenburg, 2005). „Robert Stark schafft insbesondere Plastiken und Installationen, die sich auf architektonische Formen und Elemente beziehen. Dabei setzt er sich unter anderem mit der Geschichte der Architektur sowie ihrer Rolle in verschiedenen politischen Systemen auseinander.“ (www.villa-concordia.de)

MARTIN F. SPENGLER (*Köln 1974) studierte seit 2003 an der Kunsthochschule Bremen, 2006-2007 bei Manfred Pernice an der Wiener Kunstakademie, 2008-2009 bei Karin Kneffel an der Kunstakademie München (Meisterschüler). Ausstellungsbeteiligungen u.a. Optical Shift – Illusion und Täuschung (b-05 Kunst- und Kulturzentrum Montabaur, 2010), Die unsichtbare Hand (Städtische Galerie Delmenhorst, 2009), sweet dreams (Städtische Galerie Delmenhorst, 2008), Internationale Triennale für Zeitgenössische Kunst Prag (2008), Kunstsommer 2008 (Kunstverein Oberhausen, 2008), Am Ende Kunst (Dom St. Petri Bremen, 2006). Einzelausstellungen: Rauschen (rahncontemporary Zürich, 2010), Schnitte (Künstlerverein Malkasten Düsseldorf, 2008), Kartonagen (Kunstverein Achim, 2008). Bekannt geworden ist Martin F. Spengler durch ebenso filigrane wie oftmals raumgreifend dimensionierte Reliefs aus Wellpappe, die in billigem Material, aber nobilitiert durch puristische Farbgebung und handwerkliche Präzision die Ränder der Stadt in den Blick nehmen: die Fassaden des sozialen Wohnungsbaus, Trabantensiedlungen, Autobahnkleeblätter. Er zeigt und seziert Odnungsstrukturen, in denen sich das Individuelle im Massenhaften verliert und architektonische Formen, funktionale Apparaturen, aber auch einzelne Menschen sich im Ornament auflösen.

Pressetext

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